Atemtherapie aus der Sicht eines Internisten

Vortrag von Dr. med. Friedrich Neubauer, Internist

am 17.3.1990 im Rahmen der Akademie für ärztliche Fortbildung, Berlin. Leicht gekürzte Fassung

Begriffsbestimmung

Atemtherapie ist als Therapieform uns Medizinern meist nicht bekannt, weder aus dem Studium noch aus der Ausbildungszeit. Zunächst werde ich also versuchen, den Begriff zu erklären und zu übersetzen, wobei mir bewusst wird, dass jede verbale Erklärung einer Körperarbeit schwierig ist.
Atemtherapie verwechseln wir z.B. häufig mit Atemgymnastik. Diese Assoziation ist etwa vergleichbar mit der von Herzeleid und Herzinsuffizienz. Beide Dinge haben etwas mit Atem und Herz zu tun, die Inhalte sind jedoch völlig verschieden.
Wir lernen im Studium vieles über die Organik und Physiologie der Lungen, über Atem-Muskulatur und Hilfsmuskulatur, über Partialdruck, 02 und C02 Austausch und viele Stoffwechselvorgänge. Wir beobachten die Atem-Frequenz, den Aspekt der Haut, den Atemgeruch. Eine Alkoholintoxikation entdecken wir immer noch am schnellstens im Atemgeruch.
Im großen und ganzen betrachten wir den Atem, sofern er uns auffällig wird, als Ausdruck einer Funktionsstörung. Wir beobachten die Frequenz, sprechen von flachem, stockendem, rhythmischem, unrhythmischem Atem, sehen fliegenden, hechelnden oder tiefen Atem. Wir unterscheiden Atemtypen, wie z.B. Cheyne Stokes Atmung oder Schnappatmung und dies meist als Ausdruck schwerwiegender organischer Erkrankungen.
Eher selten ziehen wir aus unseren Beobachtungen als Ärzte Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des Patienten, auf sein seelisches Befinden. Müdigkeit, Erschöpfung, Erregung, Bedrücktheit, Schmerz z.B. erfassen wir eher aus der Körperhaltung als aus der Art zu atmen. Wir sind gewohnt, den Rhythmus des Atems bei der so genannten Atem-Exkursion des Thorax zu beachten und folgen dieser Exkursion selten in lungenferne Körperteile. Hier beginnt die Arbeit des Atemtherapeuten.
Seltener machen wir uns Gedanken über unsere ganz natürlichen Beobachtungen, z.B. das Seufzen, Stöhnen, Lachen, Weinen, den Atem bei Angst, Wut, Schreck oder Schmerz. Zum Beispiel sehen wir das Stottern als nervöse Störung und achten dabei weniger auf den Atem.
Treffsicher dagegen ist unsere Sprache: es hat mir den Atem verschlagen, es ist atem -beraubend, er pfeift auf dem letzten Loch, jemand zieht sich etwas rein, jemand wird angefaucht, jemand muss erst mal tief Luft holen, es ist erstickend heiß usw.
Gefangen im reduktionistischen Modell der Medizin stellen wir selten genug eine Beziehung her zur Stimmung des Patienten, trauen weniger seiner Ausdrucksweise als unseren Untersuchungen. Was aber geschieht mit einem Menschen, dem es immer wieder in seinem Leben den Atem verschlägt, der über Jahre seinen Körper gewissermaßen auf dieses Ereignis konditioniert hat im Verlaufe seiner psychischen Erfahrungen'
Wird er nicht vielleicht auch ohne Wahrnehmung der auslösenden Situation körperlich so reagieren wie er es gelernt hat' Hier erinnere ich an Pavlow und seine Lehren.
Die Krankheitsgenese müssen wir uns vorstellen als ein Zusammenwirken von Konditionen als erblicher Voraussetzung, Disposition als Form vergangener Konfliktbewältigung und auslösenden Faktor. Gerecht werden können wir dem Patienten nur, wenn wir die multi-faktoriellen Zusammenhänge beachten und akzeptieren. Dies gilt vor allem in der psycho-somatischen Medizin.
In diesem Sinn können wir dem Atem eine weitere Bedeutung zumessen, als im natur-wissenschaftlich klassisch medizinischen Modell, das eben auf reduktionistische Weise sich die Ursachen erklären will. Vorstellbar soll werden, dass der Atem nicht nur eine Bewegung von Zwerchfell und Thoraxwand ist, sondern im ganzen Körper als rhythmisches Geschehen wirksam ist. Dann erst können wir begreifen, dass Zirkulation, Spannung und Entspannung, Wärme mit dem Atem verbunden sind.

Wen kann der Mediziner zum Atemtherapeuten schicken'

Im Gegensatz zu uns wissen andere Berufsgruppen, wie Sänger oder Schauspieler, schon lange mehr über die Wirkung des Atems auf die Stimme, Stimmung und Motivation. Für sie gibt es eine natürliche Indikation zur Atemtherapie oder Atempädagogik. Man singt nur dann gut, wenn der Atem richtig ist, man stellt sich körperlich nur so überzeugend dar.
Uns Medizinern aber stellt sich die erhebliche Frage, wen wir zum Atemtherapeuten schicken sollen oder können. Orientieren wir uns an den gewohnten Krankheitsbildern'
Oder setzen wir den Akzent auf die Persönlichkeit des Patienten' Wie motivieren wir ihn und wann sollen wir das tun'

Indikationen

Bei welchen Erkrankungen ist Atemtherapie hilfreich'
Wen von meinen Patienten halte ich für geeignet für eine Atemtherapie'
Ich beginne mit der Schilderung eines Falles: Es handelt sich um eine 42jährige Patientin, Mutter zweier Kinder, neun Monate post partum des letzten Kindes. Zur Vorgeschichte sind bekannt: Psoriasis, Angstgefühle, Adipositas. Nach der ersten Geburt traten schwere Lumboüsakralgien beidseits aus, die physiotherapeutisch behandelt werden mussten. Sieben Monate post partum des letzten Kindes zunehmende Parästhesien beider Hände, rechts mehr als links. Es besteht eine Schreibhemmung, gelegentlich auch ein Schreibkrampf in der rechten Hand.
Die Patientin klagt über Völlegefühl in beiden Unterarmen und Parästhesien im Bereich der rechten Hüfte. Sie gibt an, das Kind ständig auf dem linken Arm zu tragen, mit dem rechten Arm telefoniere sie häufig und lange. Beim Telefonieren klemme sie den Hörer zwischen Kopf und Schulter ein. Neurologisch internistisch an sich kein auffälliger Befund.
Die Vorstellung beim Neurochirurgen und beim Neurologen gab ebenfalls kein auffälliges Krankheitsbild. Aufgrund eines Computertomogramms dagegen bestand ein schwacher Verdacht auf Durchblutungsstörungen im Bereich der linken Arteria media cerebralis. Therapeutische Konsequenz: täglich 1 Tablette Aspirin.
Die Patientin berichtete nach 3 Stunden Atemtherapie über deutlich spürbare Besserung aller Symptome und ist inzwischen nach rund 15 Stunden Atemtherapie so gut wie geheilt. Von neurologischer Seite wurde jetzt eine physiotherapeutische Behandlung gutgeheißen.
Indikationen
Für die Atemtherapie geeignet ist häufig der Patient mit den funktionellen Beschwerden und Syndromen, der psychosomatische Patient, oder der Stille, Gehemmte, Depressive. Vor allem sind es Beschwerdebilder im Skelett-Muskelsystem, die mir für eine Atemtherapie geeignet erscheinen. Bereits die Körperhaltung drückt oft die Symptomatik aus. Zum Beispiel bestehen Spannungen im oberen, mittleren und unteren Wirbelsäulenbereich, begleitet von Neuralgien in allen segmentalen Versorgungsgebieten. Krankheitsbilder sind häufig begleitet von Sehnen-erkrankungen in den peripheren Extremit'ten, die ausgelöst sind von Verspannungen ganzer Muskelketten, die fließende Bewegungsabläufe blockieren.
Spannungen der Skelettmuskulatur sind auch oft begleitet von Spannungszuständen im inneren Organbereich. So zeigen diese Patienten h'ufig ein buntes Beschwerdebild. Manchmal werden Schmerzen im gesamten Körper angegeben, manchmal sind es Migräne, Hinterhauptskopfschmerzen, Tinnitus, Globusgefühl oder andere Schluckstörungen , Stottern, Dys- und Aphonien, asthmatische Beschwerden, Magen Darmkr'mpfe, Gastritis und Ulcus-Leiden, Reizblase, Prostatitis, Adnexitis. Pruritus oder Juckreiz, nächtliche Analkrämpfe, und vieles dergleichen mehr.
Erkrankungen der Atemwege jedoch stehen auf meiner Indikationsliste nicht an erster Stelle, obwohl der Begriff Atemtherapie dies vermuten lassen könnte. Vordergründig ist für mich immer ein Spannungszustand mit veränderter Körperhaltung, begleitet von einem veränderten bzw. typischen Atem. Ich bemühe mich, auf dessen Qualität zu achten.

Qualität des Atems in die Diagnostik psychosomatischer Erkrankungen einbeziehen

Allerdings, warum sollten wir die Qualität des Atems nicht einbeziehen in die Diagnostik psychosomatischer Erkrankungen' Aufschlussreich ist z.B. doch unmotiviertes Lachen, leise Stimme voller Aggression, laute Stimme ohne Resonanz, Fistelstimme, Stottern, Kreischen, Seufzen usw.
Dabei können wir uns Gedanken machen über den inneren Zustand, die Stimmung und die Motivation unseres Gegenübers, über seinen inneren Spannungszustand. Wir konstatieren, dass zu einem Sympaticotonus, zu einem Hypertonus, zu einer Hyperthyreose auch immer ein besonderer Atemcharakter passt.
Zur Indikation kommen auch Erschöpfungszustände, wie Orhostasesyndrom, Mikro – zirkulationsstörungen in den Extremit'ten, Hyperhydrosis, K'ltegef'hle, Schwindel-erscheinungen, Parästhesien.
Im psychischen Bereich sehe ich die Indikation bei allen Unruhezuständen, insbesondere bei der Schlaflosigkeit, auch bei Angst Phobie Syndromen, die manchmal körperlich als Hyperventilations-Syndrome oder als Tachykardien oder als Arrhythmien auffallen. Nicht selten finden wir die Zeichen von Anspannung und Erschöpfung zugleich. Unsere Diagnose heißt dann: vegetative Dystonie, vegetatives Syndrom, psychogene Störungen, psycho-vegetatives Erschöpfungssyndrom und dergleichen mehr.
Es sind verschwommene Begriffe, jeweils in Richtung Psyche oder in Richtung Nerven-system. Nach Jedermanns Gusto. Fast immer fühlen wir in der Eile des Alltags dabei Ärger, Frustration oder Hilflosigkeit und haben das Gefühl, nicht richtig helfen zu können.

Kontraindikationen

Wirklich medizinisch begründbare Kontraindikationen gibt es nicht. Dennoch halte ich die Atemtherapie für nicht durchführbar oder zumindest sehr schwer durchführbar bei Kindern, Senilen, Debilen, Konversionsneurotikern, Psychotikern, somatisch Schwerkranken und stark Ich-gestörten Patienten. So ist bei Kindern z.B. die Entwicklung der Persönlichkeit noch zu sehr im Fluss und bei Alten sind die Strukturen häufig zu erstarrt. Psychotiker sollten auf jeden Fall psychiatrisch behandelt werden, bevor man sie zu einem Atemtherapeuten schickt. Neurotiker und insbesondere Konversionsneurotiker müssen psychotherapeutisch in erster Linie behandelt werden.

Atemtherapie ist eine wichtige Form der Co-Therapie

Die Erfolge in der Atemtherapie sind unterschiedlich. Wie fast alle anderen Therapien ist auch sie kein Allheilmittel. Für mich ist sie eine wichtige Form der Co-Therapie. Selten bringt die Atemtherapie einem Patienten gar nichts. Manchmal fehlte dann die Geduld, die Beharrlichkeit, die Indikation könnte falsch gewesen sein.
Zum Beispiel kann sich eine Konfliktsituation zwischenzeitlich zuspitzen, eine Depression auftreten, die soziale Situation sich ändern. Hier ist dann der Atemtherapeut voll gefordert sind seiner ganzen Einfühlsamkeit. Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder anderen Therapeuten ist hier wünschenswert.
Die Therapiedauer ist sehr unterschiedlich und ergibt sich oft erst im Verlauf einiger Sitzungen. Gewöhnlich findet mit dem Atemtherapeuten ein erstes Gespräch mit einer Stunde statt, danach eine Therapiedauer von 30 – 50 Stunden.
Anschließend sollte ein Gespräch mit dem Patienten und möglichst auch mit dem Therapeuten Klärung bringen über die Fortsetzung der Atemtherapie. In einigen Fällen hat eine einzige Periode die Stabilisierung des Patienten ausreichend bewirkt.

Zu den Auswirkungen der Atemtherapie

Es ist auch ein Weg zur Selbständigkeit und zum Selbstbewusstsein. Physiologisch ist vieles ungeklärt. Wesentlich erscheint mir der Entspannungseffekt, die Tonisation unter Bewusst werden von “vergessenen” Körperbereichen, die verbesserte Zirkulation, das entstehende Wärmegefühl. Dem Patienten werden Bewegungs- und Funktionsabläufe bewusst, die oft fern von seinen Beschwerdepunkten an sich liegen.
Zusammenfassend empfehle ich die Atemtherapie als hilfreiche Co-Therapie bei psychosomatischen Erkrankungen. Allerdings kann ich den Patienten nicht so einfach überweisen wie zur Krankengymnastik. Ich muss mich an seinen Vorstellungen und Wünschen orientieren. Dies setzt eine intensive Einfühlung in seine Problematik und Persönlichkeit voraus, die über normale medizinische Diagnostik hinausgeht. Anlass ist nicht ein sogenanntes typisches Krankheitsbild sondern eher der bedürftige Mensch in seinem Leid.